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Mittwoch, 14. Juli 2021

Buchvorstellung: Bettboy Liebe & Feenstaub von Maine Lobster

Intelligenter Humor verbindet Science Fiction und Historie - keine Ahnung, wie dieses Genre heißt, das Maine Lobster alias Louise Bourbon ganz neu erfunden hat, aber es ist toll! Und ich bin überhaupt kein SciFi-Fan sonst. Okay, Star Wars geht. ;) 

Was für ein unglaubliches Abenteuer, und zwar nicht nur für den Protagonisten, sondern auch für die Leserschaft! Hier nun meine Rezension: 

Ich musste beim Lesen mehrmals herzlich lachen und war jedes Mal froh, den Tipp der Autorin verworfen zu haben, unbedingt vorher frische Brioches zuzubereiten und beim Lesen zu essen. Ich hätte mich gnadenlos an den frischen, noch ofenwarmen Krümeln verschluckt. Mehrmals! Auf jeder Seite!

Schon jetzt sehe ich dieses unglaublich witzige, intelligente Werk von Monty Python höchstpersönlich verfilmt. Oh. Mein. Gott!

Der Leser, der nicht im mindesten ahnen kann, was ihn hier erwartet - und das meine ich absolut positiv -, wird Zeuge einer Liebesgeschichte, die ihn durchs ganze Weltall führt. Doch nicht nur das! Sogar spektakuläre Zeitreisen wird er erleben! Er erfährt endlich die Wahrheit über den Sonnenkönig und seine Sonnenkönigin und darüber hinaus, wo er noch viel mehr darüber erfahren kann!

Auch in der Unterwelt der griechischen Mythologie muss der Held, der zwar sehr reich, aber ein bisschen einfach gestrickt ist, beweisen, dass er zu viel mehr fähig ist, um die Liebe seines Lebens retten zu können. Er bekommt zum Glück viel prominente Hilfe und muss sich zudem an die richtige Reihenfolge, vorgegeben durch den Autor, halten.

Das Buch hat keine 300 Seiten, aber wenn man damit durch ist, hat man einen Ritt hinter sich, der mit Witz, absolut wundervollem Schreibstil, Historienkenntnis, dem ultimativen Brioche-Rezept und einfach viel unbändiger, alberner Freude nach Mehr schreit! Außerdem sind hier jede Menge tolle EasterEggs versteckt. Wer weiß, ob ich beim ersten Mal schon alle gefunden habe.

Wow, echt, ich glaube, ich muss es gleich nochmal lesen! 

Dieses Buch ist wirklich etwas ganz besonders! Danke mit Knicks!


Montag, 14. Juni 2021

Buchvorstellung zu "Das Geheimnis der Untoten" von Mike Gorden

Ein dubioser Mordfall auf der bretonischen Insel verknüpft die Vergangenheit und die Gegenwart, wirbelt einen Entspannungsurlaub durcheinander und macht einen Streuner glücklich.

Wieder einmal durfte ich literarisch in die Bretagne reisen, und zwar diesmal auf die Île de Batz, die zum Departement Finistère gehört.
 
Der Roman "Das Geheimnis der Untoten" von Mike Gorden beginnt mit einer ausführlichen und bildhaften Beschreibung der Gegend und des Klimas, worüber ich mich sehr gefreut habe. Fast konnte ich die raue Seeluft spüren. Auch die Bewohner der Insel, natürlich waschechte Bretonen, sind sehr anschaulich beschrieben. Ja, sie sind brummig, bleiben gern unter sich, reden bretonisch, wenn sie sich mit dir nicht unterhalten wollen, aber sie sind auch grundehrlich, anständig und - wenn sie dich mögen - sehr gastfreundlich.
 
Das haben auch Mike und Maurice, die beiden Hauptpersonen, zu spüren bekommen. Sie sind ein Paar, auch wenn der etwas stoffelige Maurice die Beziehung gern herunterspielt. Dennoch spürt man an vielen Kleinigkeiten, dass ihm trotzdem etwas an Mike liegt, auch wenn er es nicht zugeben würde. Die beiden wollen auf der Insel zwei Wochen Urlaub machen und haben sich in der alten Mühle eingemietet. Doch es dauert nicht lange und ihr Urlaub wird ziemlich turbulent. Im Schlangenloch wird eine Leiche gefunden, ein Koffer verschwindet und taucht wieder auf, irgendwer verschafft sich ständig Zutritt zur Mühle.

Mike und Maurice nutzen ihre guten Verbindungen zum Festland, um auf eigene Faust Nachforschungen zu dem ungeklärten Mord anzustellen. Sehr zum Ärger des hierher beorderten Kriminalkommissars, der ganz offensichtlich weder Schwule noch Insulaner noch die bretonische Küche mag und den Fall so schnell wie möglich abschließen will.

Mike liebt die Vielfalt der Meeresfrüchte und Fische hier, denn er kann sich beim Einkaufen und Kochen kaum zurückhalten. Manchmal habe ich mich gefragt, wie die beiden das alles schaffen wollen. Zum Glück gesellt sich schon bald ein Dritter zu ihnen, nämlich Streuner. Der Hund ist auf der ganzen Insel zuhause, aber bei Mike und vor allem bei Maurice scheint er sich besonders wohlzufühlen. Maurice' spröde Ablehnung schlägt schnell in heimliche Sympathie um. Streuner jedenfalls freut sich über den ständig gefüllten Napf und hilft tatkräftig bei der Aufklärung des Falles mit.

Auf der Insel hört man immer mal wieder vom "Club der Untoten", doch niemand will darüber reden. Der in der Bucht gefundene Tote scheint jedoch irgendetwas damit zu tun zu haben.
Die Geschichte spielt abwechselnd im Heute und in den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges, als die Deutschen die Insel besetzt hatten und die Mitglieder der Resistance um die Freiheit ihres Volkes kämpften. Beide Erzählstränge sind sehr interessant, der Rückblick in die Kriegszeit jedoch teilweise sehr erschütternd. Die Verbindung zwischen den Erzählsträngen liegt im Mühlturm verborgen.

Zur Erzählweise: Etwas ungewöhnlich ist hier, dass Mike Gorden die alte Rechtschreibung verwendet. Ungewöhnlich, aber nicht unangenehm. Wenn man viele Bücher aus dem vorigen Jahrhundert liest, ist das Auge noch an "daß" statt "dass" gewöhnt oder gewöhnt sich schnell wieder daran.
Der Autor erzählt sehr bildhaft, nutzt gern Vergleiche, die mal lyrisch, mal pompös anmuten. Ich persönlich finde das interessant und abwechslungsreich, denn es unterscheidet sich von der einfachen Büchersprache, die man heutzutage oft liest.

Da dieser Krimi nur ein Teil von dreien ist, in denen Mike und Maurice mitspielen, ist es natürlich spannend zu wissen, wie es ihnen vorher erging. Wie sie sich kennengelernt haben, wie sie ticken, was sie sonst so machen, wenn sie nicht gerade im Urlaub einen Mord aufklären. Auch wenn ich die anderen Teile noch nicht kenne, hatte ich trotzdem ein gutes Bild zu den beiden und zu ihrer Beziehung zueinander. Sie ist nicht super romantisch, manchmal etwas rau, aber sie hat eine ruhige, sichere Basis.

Ich danke dem Autor, dass ich die E-Book-Version im Rahmen der lovelybooks-Leserunde lesen durfte.

Mittwoch, 2. Juni 2021

Gruseln für den guten Zweck - mit der neuen Sternzeit-Anthologie

"Noch eine Anthologie?", höre ich da den einen oder anderen sagen. Aber hey: Diese Kurzgeschichtensammlung ist etwas ganz Besonderes. 

Schau dir dieses Buch nur mal an!

Der Tiger springt dir beinahe entgegen. Du hast gar keine andere Möglichkeit, als nach dem Buch zu greifen, stimmts?

Der Umschlag des Taschenbuches fühlt sich samtig an, irgendwie lebendig. Vielleicht liegt das an dem, was drin steckt?

Denn diese 28 Geschichten und Gedichte werden dich nicht sanft in den Schlaf lullen. Nein, sie werden dir den Schlaf rauben, sie werden dich zittern lassen!

Du wirst dreimal kontrollieren, ob du deine Haustür abgeschlossen hast, wirst deine Kellertür verbarrikadieren, eine Eisenpfanne unter dem Kopfkissen verstecken, die Jalousien herunterlassen und deine Decke über den Kopf ziehen, bevor du das Buch aufschlägst und im Schein der Taschenlampe zu lesen beginnst ... Wie gesagt, die Anthologie hat es in sich.

Was uns Autoren dazu bewogen hat, mitten im Sommer Gruselgeschichten zu veröffentlichen?

Das war die gemeinsame Freude am Schreiben, das Abenteuer, das dieses Genre uns eröffnet hat. Gruselgeschichten offenbaren unsere größten Ängste, aber auch fast immer eine Lösung dazu. Sie sind eine Flucht aus der realen Welt, beflügeln die Fantasie, lassen das Herz höher schlagen und uns sanft wieder auf dem Boden der Realität landen.

Haben wir nicht schon als Kinder gern Schauergeschichten erzählt und gehört? Die Gänsehaut genossen, die uns über den Rücken gekrochen ist? Und dabei geflüstert und das große Licht ausgeschaltet, um die knisternde Spannung bis zur Unerträglichkeit zu erhöhen?

Genau deshalb sind diese Geschichten entstanden. Von Anfang an war uns dabei klar, dass wir den Erlös spenden werden. Und zwar für Kinder.

Schon in der letzten Anthologie haben wir den Verein Viel Farbe im Grau e.V. unterstützt. Die lieben Menschen dort sorgen unter anderem dafür, dass schwerkranke Kinder sich einen ihrer größten Wünsche erfüllen können, zum Beispiel eine Reise ans Meer oder einen Flug mit dem Helikopter.

Wir als AutorInnen der Facebook-Gruppe "Autoren-Sternzeit" sind stolz darauf, dass wir mit dazu beitragen können, die Wünsche dieser Kinder zu erfüllen und ihnen und ihren Familien ein paar glückliche Momente schenken zu können.

Und womit könnten wir das besser als mit unseren Geschichten?

Wenn ich dich jetzt neugierig gemacht habe, dann musst du nur noch auf den Link im nächsten Satz klicken. Das Buch ist erhältlich als Taschenbuch und als eBook bei Amazon.

Dich erwarten fast 400 Seiten Spannung und Gänsehaut, unter anderem auch meine Geschichte "Pfotenwandler".

Gruselige Grüße,

Marlene



Montag, 17. Mai 2021

Buchrezension zu "Lavendel-Fluch" von Carine Bernard

Eine Leiche im Weinberg, ein alter Kaufvertrag, ein verschwundenes Château - als ich das las, wusste ich: Dieses Buch muss ich haben!

Durch einen glücklichen Zufall erhielt ich das Buch für meinen Blog als Rezensionsexemplar. Verregnete Wochenenden sind übrigens perfekt zum Schmökern geeignet. 😊



Ich fange mal bei Titel und Cover an: Beides hat mich sofort gepackt! Wer mich kennt, weiß, dass ich Lavendel liebe und alles, was mit ihm zu tun hat. Da mein Herz außerdem für Krimis und Frankreich schlägt, musste ich dieses Buch einfach lesen! Und ich wurde nicht enttäuscht. Der Klappentext versprach schon Spannung pur, wobei mich hier beinahe mehr das Geheimfach des antiken Schreibtisches interessiert hat als die Leiche im Weinberg.

In der Geschichte begleiten wir die angehende Commissaire Lilou, die sich mit ihrem Freund gerade bei einem romantischen Picknick vom letzten größeren Fall erholen will, als sie schon zum nächsten Tatort gerufen wird.

Lilou wird von dem einen oder anderen Kollegen noch nicht so ernst genommen, aber ihr Vorgesetzter vertraut ihr und drückt auch mal ein Auge zu, wenn sie im Alleingang Dinge in Erfahrung bringt. Mehr als einmal begibt sie sich dabei in Gefahr. Ab der zweiten Hälfte konnte ich vor Spannung das Buch kaum noch aus der Hand legen.

Parallel zum Mordfall im Weinberg entdecken sie und ihre Freundin Claire im Geheimfach eines alten Schreibtisches einen Kaufvertrag über ein Château aus dem Jahr 1933. Bei der Suche nach dem offenbar verschwundenen Château Madeleine werden immer mehr Geheimnisse offenbart, die mit der Leiche aus dem Weinberg zusammenhängen und wohl auch mit einem tödlichen Unfall.

Sehr positiv ist mir die Schreibweise der Autorin aufgefallen. Die Sätze hatten eine gewisse Persönlichkeit, waren auch mal ein bisschen länger und nicht so glattgebügelt und einfach, wie das heute leider viel zu oft vorkommt. Manche Sätze habe ich direkt zweimal gelesen, weil sie mir so gut gefallen haben.

Anfangs habe ich ein wenig gebraucht, um in die Geschichte hineinzukommen, was zum Teil an den vielen Personen lag, die erst einmal eingeordnet und abgespeichert werden mussten. Die Akteure waren allesamt sehr anschaulich dargestellt, so dass ich immer ein Bild dazu hatte. Auch die Gegend um Carpentras und überhaupt die Provence mit ihren Lavendelfeldern wurden schön beschrieben, aber ich persönlich hätte gern noch mehr davon gehabt – das liegt aber sicher am Fernweh und nicht am Roman.

Sehr gut hat mir gefallen, wie die Arbeit von Mordkommission und Staatsanwaltschaft beschrieben wurde. Man merkt, dass die Autorin hier gut recherchiert hat.

Noch ein Detail, was ich sehr sympathisch fand: Im Buch gibt es einen Hund namens Raffut, über dessen Erscheinen ich mich jedes Mal wieder gefreut habe. So einen aufmerksamen, verrückten und freundlichen Kerl habe ich nämlich auch hier.

Ich danke der Autorin Carine Bernard und dem Verlag Droemer Knaur, dass sie mir das Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben!

Montag, 5. April 2021

Buchrezension zu "Lavendeltage in der Auberge de Lilly" von Marion Stieglitz

Ich hatte euch vor ein paar Tagen ja erzählt, dass ich im Zuge der lovelybooks-Leserunde zum neuen Buch von Marion Stieglitz ein Rezensionsexemplar gewonnen habe. Als Lavendelliebhaberin war das wie ein Ostergeschenk für mich. Und ich wurde nicht enttäuscht. Das einzig Enttäuschende war, dass das Buch irgendwann zu Ende war. 

Hier nun meine Rezension:

 


Wie ein kleiner Urlaub

Der Roman „Lavendeltage in der Auberge de Lilly“ kam für mich genau richtig, denn ich brauchte gerade eine kleine Auszeit vom Alltag. Vom ersten Kapitel an war ich stets an Helens Seite, habe mit ihr die hübschen kleinen Orte besucht, neben ihr am Tisch in der Auberge gesessen und sie natürlich auch in den traumhaften Lavendelladen in Bédoin begleitet.

Die Autorin Marion Stieglitz hat die Schauplätze so anschaulich beschrieben, dass ich das Gefühl hatte, selbst dort zu sein. Auch die Personen hat sie sehr liebevoll beschrieben.

Helen, die Hauptperson, ist in Karlsruhe gerade mit ihrem Café gescheitert und versucht sich eine neue Existenz aufzubauen. Der Auftrag einer Großkantine muss in ein paar Tagen vorgestellt werden. Deshalb hat sie eigentlich überhaupt keine Zeit, jetzt mit ihrem Freund Leo und dessen klapprigem VW-Bus einen Kurztrip in die Provence zu unternehmen. Außerdem liegt ihr ständig ihre Schwester Nadine im Ohr und hat jeden Tag neue Vorschläge für ihr Kantinenkonzept.

Als der VW-Bus in der Nähe von Pivette den Geist aufgibt, kommen die beiden in der Auberge de Lilly unter. In den wenigen Tagen ihres Aufenthalts gerät Helens Leben völlig aus den Fugen und sie zweifelt an sich selbst, an ihrer Beziehung zu Leo und ihrer beruflichen Zukunft. In ihrer Zerrissenheit trifft sie auf den Pariser Marcel Perrin, einen landesweit bekannten Gastronomen, der überaus attraktiv ist und außerdem einen neuen Besitzer für seinen Lavendelladen sucht. Ob das ein Wink mit dem Schicksal ist?

In all dem Gefühlschaos lernt Helen ein paar außergewöhnliche Menschen kennen. Da ist zum einen Marianne, eine ältere Dame, zu der sich in kürzester Zeit eine schöne Freundschaft entwickelt; zum anderen sind da die beiden Reikimeister Sunita und Hari, die Helen und Leo seltsame Tagesaufgaben stellen, mit denen Helen zunächst nichts anfangen kann und will.

Diese Geschichte ist für Helen eine Reise zu sich selbst und für die Leser eine Reise in die Provence. Zwischen Lavendel, Rosmarin und Coco Chanel lässt sich so wunderbar der Alltag vergessen, der uns im Moment alle zu Hause hält. Also am besten ein Lavendelsäckchen aufs Kopfkissen gelegt, das Buch geschnappt und sich in den Urlaub gelesen.


Donnerstag, 1. April 2021

Ode an die Hefe - eine Erinnerung

Wisst ihr noch? Corona? Plötzlich standen wir zum ersten Mal vor leeren Regalen im Supermarkt, auf der Suche nach Klopapier, Nudeln, Mehl und - genau: Hefe! 

2021: Die Supermarktlage hat sich zum Glück wieder normalisiert. In diesem Jahr habe ich aus Hefeteig kleine Osterkränze und -hasen für unsere Mitarbeiter gebacken. Aber dabei fiel mir meine kleine "Ode an die Hefe" vom letzten Jahr wieder ein. Und weil Ostern ist, schenke ich sie euch heute ein zweites Mal.

Ich wünsche euch allen ein fröhliches, buntes, leckeres und sonniges Osterfest! 


Ode an die Hefe

So viele Jahre hast du unbeachtet und ungeliebt im Backregal gestanden. In hässlichen Tütchen, eingekeilt zwischen Backpulver und Vanillezucker.

Überhaupt, dieses Backpulver. Hat es dich nicht immer hämisch angegrinst und sich schon in der Tüte aufgebläht? „Guck mal, wie locker ich bin! Und wie schnell ich den Teig fluffig mache. Nicht so anspruchsvoll wie du: Brauchst Wärme, aber nicht zu viel. Brauchst Zeit, und davon nicht zu wenig. Willst geknetet werden, bis du schön blasig wirst. Bis DU endlich in den Backofen darfst, bin ich schon lange fertig. Wer will dich schon, du olle, miefige Hefe?“

Links von dir das Puddingpulver kichert fett und hinterlässt eine Staubwolke. „Ich bin noch schneller fertig als ihr und alle lieben mich!“ Der Vanillezucker nickt dümmlich, wie immer.

Wie oft hast du vor deinem Regal schon den Satz gehört: „Hefe? Nee, damit kann ich nicht backen. Hefeteig gelingt mir NIE!“ Und das Backpulver streckte dir die Zunge heraus, als es in den Einkaufskorb wanderte.

Aber heute? Backpulver und Vanillezucker schielen ganz verstohlen auf den leeren Platz im Regal, wo du immer treu gestanden und ausgeharrt hast. Schon seit Tagen bist du ausverkauft und fristest nun dein Dasein in riesigen Vorratskammern, wo du vermutlich einfach vergessen wirst und in ein paar Jahren in die Mülltonne wanderst. Vorher kannst du aber noch zuschauen, wie sich Ungeziefer in den hundert Tüten Mehl breitmacht, die um dich herum gestapelt wurden. Vorausgesetzt natürlich, dass nicht das ganze Klopapier deine Sicht versperrt. Schau mal nach unten: Hast du gesehen, dass die Kartoffeln schon anfangen zu keimen? Die wandern noch vor dir in die Tonne, falls dich das tröstet.

Deiner Schwester, der molligen Frischhefe, geht es übrigens auch nicht besser. Sie hatte früher den besten Platz im Kühlregal, konnte alles überschauen und hat sich köstlich amüsiert, weil die Leute sie nie, wirklich niemals, auf den ersten Blick gefunden haben. Sie wurde dir immer vorgezogen, was dich manchmal geärgert hat. Aber du konntest ihr nie lange böse sein.

Jetzt rächt sich, dass sie nicht so lange haltbar ist wie du, denn sie wird eingefroren. Liegt zitternd in vollgestopften Eisfächern, zwischen Erbsen, Eis und Petersilie, ganz hinten an der eisverkrusteten Wand. Oder sie hängt in übergroßen Kühltruhen in einem Korb und schaut bibbernd den ganzen Tag auf dutzende Brotlaibe, die eingefroren wurden, da die Menschen ja doch lieber fertige Sachen auftauen, statt selbst zu backen. Deine Schwester ahnt schon, genau wie du in deiner Vorratskammer, dass sie vergessen werden wird.

Ach, Hefe, wärst du doch nur mit mir mitgekommen. Ich hätte dich wie immer liebevoll zu Teig verarbeitet, massiert, geknetet und auch geschlagen (ja, ich weiß, du stehst da drauf), dich ganz gemütlich gehen lassen und zu Zwetschgenkuchen, Brot, Pizza oder Hefeklößen verarbeitet. Ich vermisse dich, aber irgendwann liegst du sicher wieder im Supermarktregal und grinst frech hinüber zum Backpulver. Und auch deine Schwester beobachtet mich bestimmt bald wieder freudig, wenn ich ihr neues Versteck suche.

Bis dahin hoffe ich, dass ihr beiden doch noch eure Bestimmung findet und mit all dem eingelagerten Mehl, dem Zucker und der H-Milch wunderbare Verbindungen eingehen werdet.


Montag, 1. März 2021

Buchvorstellung: Die Macht der Akademie von Neal Skye

 Keine leichte Kost – spannender Krimi um einen schwedischen Geheimbund

 Neal Skye hat hier ein Werk geschaffen, das es in sich hat. Hier ist beim Lesen in jedem Satz, in jedem Kapitel höchste Konzentration gefordert.

Unglaublich viele Personen spielen eine Rolle. Was die Akademie ist, welche Rolle sie spielt und wer alles dazugehört, bekommt der Leser hier nur sehr langsam präsentiert. Erst ganz am Schluss weiß man, wer in diesem schwedischen Geheimbund, der mafiaähnliche Strukturen aufweist, welche Rolle spielt. Aus vielen einzelnen Fäden wird zum Ende ein logisches Netz gespannt, das Luft lässt für eventuelle Fortsetzungen der Reihe.

Im Mittelpunkt stehen zwei Handlungsstränge. Zum einen wird in Schweden die junge Verlobte des erfolgreichen Unternehmers Gustavsson entführt und er wird erpresst.

Zum anderen wird in Bremen eine junge Frau tot aufgefunden, die unter grausigen Umständen getötet wurde. Vor zehn Jahren fanden in Schweden sehr ähnliche Morde statt, die nie aufgeklärt wurden. Ein Zusammenhang wird vermutet.

Es wird parallel in Bremen und Stockholm ermittelt, auch wenn beide ermittelnden Behörden alles andere als glücklich über die erzwungene Zusammenarbeit sind.

Denn da ist zum Beispiel die Hauptkommissarin Edda Valby aus Stockholm, die sehr herablassend und manchmal auch gemein agiert. Unter ihrer ätzenden Art leiden sowohl ihre Kommissare als auch ihre Bremer Kollegin Fischer und deren Abteilung.

Es war nicht immer leicht, der Handlung zu folgen. Ab und zu habe ich vorhergehende Kapitel nochmals lesen müssen, weil ich mir nicht alle Namen und deren Rolle gemerkt hatte. Das straffe Lesetempo wird durch die kurzen Kapitel festgelegt. Das Buch nach ein paar Kapiteln entspannt zur Seite zu legen, ist fast nicht möglich, weil man sich erst wieder reinlesen muss. Das war teilweise etwas anstrengend, aber dennoch war die ganze Geschichte durchweg spannend.

Am Ende wurde alles recht flott aufgelöst. Ich als Leserin war froh darüber, denn irgendwann wollte ich einfach nur noch wissen, wie jetzt alles zusammenhängt. Eine Kurzgeschichte im Anhang gibt Einblicke über einen wichtigen Ermittlungserfolg, der zunächst jedoch übersehen wurde. Die Idee gefällt mir sehr gut.

Ich würde, wenn es möglich wäre, 4,5 von 5 Sternen geben, denn was mich beim Lesen ziemlich gestört hat, waren die häufig auftretenden Tipp- und Grammatikfehler. Manchmal fehlten ganze Wörter oder es wurden Wörter vertauscht. Da hat nach meiner Meinung das Korrektorat des Verlags nicht gut aufgepasst. Dem Autor mache ich hier keinen Vorwurf, denn diese Art von Fehlern übersieht man wahrscheinlich bei seinem eigenen Werk, weil man ja weiß, worum es geht und dadurch flüchtiger liest.

Der Schreibstil des Autors gefällt mir ansonsten sehr gut, allerdings fehlten mir ab und an ein paar persönlichere Hinweise zu den Protagonisten. Keiner von ihnen ist mir besonders positiv oder negativ in Erinnerung geblieben, außer vielleicht Edda Valby, die aber sicher auch nicht nur auf ihre arrogante Art ihren Kollegen gegenüber reduziert werden müsste. 

Fazit: Spannende Story um einen Geheimbund, über den ich gern mehr lesen würde. Fortsetzung erwünscht. Aber ein bisschen mehr Persönlichkeit und eine nochmalige Korrektur seitens des Verlages wären wünschenswert.

Dienstag, 23. Februar 2021

Schlaflose Nächte


 ... oder: Was einer Autorin so einfällt, wenn sie nachts nicht schlafen kann. Alles ist natürlich frei erfunden, erstunken und erlogen.

 

Ella und der Schnarch

Ella liegt nicht mehr allein neben Heinrich im Ehebett. Vor ein paar Monaten ist noch jemand Drittes eingezogen: Der Schnarch. Dieser unangenehme Zeitgenosse vereinnahmt seither Nacht für Nacht die Atemorgane ihres Gatten. Nicht nur im Bett. Nein, auch auf dem Sofa oder Sessel. Sobald sich Heinrichs Lider geschlossen haben, kommt der Schnarch.

Zuerst nur zaghaft, im Wechsel mit normalen Atemgeräuschen. Und im Wechsel mit den jetzt noch flatterhaften Augenlidern. Wenn Ella ihren Mann so beobachtet, bekommt sie den Eindruck, dass da zwei Seelen miteinander kämpfen. Doch Abend für Abend gewinnt eindeutig der Schnarch, dieser alte Mistkerl.

Auf die anfänglich noch beinahe angenehmen Attacken, die fast sanft im Raum schweben, folgen erste Sägeversuche. Es dauert, bis die Säge richtig anspringt und gleichmäßig durchs Unterholz gleitet.

Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Ellas liebevolle Blicke düster werden. Was im Fernseher gesprochen wird, ist schon lange nicht mehr zu verstehen. Den Dezibelkampf hat die Flimmerkiste verloren, auch wenn sie stur immer weiter Bilder in den Raum jagt und die neuen Hintergrundgeräusche klaglos hinnimmt.

Nicht so Ella. Ihr Puls ist nun sehr lebendig, da können Spitzensportler nur neidisch abwinken. Gleich, gleich wird es passieren.

Und da: Der Höhepunkt des ersten Schnarchkonzerts gipfelt im Klang eines russischen Panzers, der gerade eine Schneise durch die Taiga zu schlagen gedenkt.

Das Schöne daran ist, dass Heinrich hier stets für wenige Sekunden die Augen öffnet und überrascht um sich schaut. Doch schon ein Blick zu Ella genügt, um die Lider wieder zufallen zu lassen und die zweite Runde einzuläuten.

Dies ist der Moment, in dem Ella tief – sehr tief – einatmet und ins Schlafzimmer flieht. Abend für Abend hofft sie, dass ihre Tiefschlafphase beginnt, ehe ihr Gatte sich neben ihr weiter mit seinem Nasen-Harvester durch den Forst pflügt. Meistens gelingt ihr dieses Unterfangen, doch manchmal ereilt sie ihr Schlaf nicht schnell genug.

Im Bett ist kein Sicherheitsabstand mehr zwischen ihnen – ein Abstand, den Heinrich vielleicht irgendwann einmal dringend nötig haben würde.

Im Bett gibt es keine Schnarchgrenzen mehr; Heinrich lässt seiner Kreativität freien Lauf. Von wegen, geschnarcht wird nur in Rückenlage! Letztens ist Ella aufgeschreckt, weil sie dachte, der Staubsauger hätte sich am Kissen festgesaugt!

Zweifellos die häufigsten Variationen sind jedoch diese:

Variation Rückenlage: Typ Motorsäge mit kaputtem Anlasser; das Finale beschert das Geräusch einer umkrachenden Fichte – jedoch nie auf Heinrich persönlich.

 Variation Seitenlage: Erst leises, dann lautes Pusten, untermalt von hoffnungsvollen Aussetzern, beendet von Grunzlauten. Gefühlt befindet sich Ella dann inmitten einer Rotte von Wildschweinen, während im Hintergrund schon wieder jemand die olle Säge anschmeißen will.

Möglichkeiten, das Schnarchen zu unterbinden: Keine.

Versuche: Hunderte.

Dazu gehören:

Den Arm aus Versehen hinüberfallen lassen auf den Gatten. Sowas kann passieren, ist aber einfach zu ungenau.

Wäscheklammer auf die Nase setzen. Totaler Blödsinn; der Schnarch sitzt im Rachen und kämpft so stark dagegen an, dass die Klammer im hohen Bogen von der Nase fliegt und den Dackel, der am Fußende des Bettes liegt, erschlägt.

Aus dem Bett schubsen. Geht nicht, Heinrichs Körper liegt wie festgetackert in seiner Betthälfte und springt bei jeglichen Roll- und Schubsversuchen schwungvoll wieder zurück in die Ausgangslage.

Ins Gästezimmer umziehen. Da nun im Schnarchgemach mehr leerer Raum zur Verfügung steht, vervielfacht sich das Dröhnen so stark, dass Ella das Gefühl hat, in einer riesigen, leeren Kirche zu stehen, in der der Organist gerade sein Instrument stimmt. Die Vibrationen des Echos schlagen Wellen bis ins Gästebett.

Gegenstörgeräusche entwickeln: Hat letztens Feuerwehr und SEK auf den Plan gerufen, während Heinrich seelenruhig weiterschnarchte.

Inzwischen ist Ella so übermüdet, dass sie Abend für Abend auf einen komatösen Schlaf hofft. Bis sie zu träumen beginnt. Von Heinrich, der sich eine Motorsäge gekauft hat.

(c) Marlene Liebschenk

Mittwoch, 10. Februar 2021

Buchvorstellung: "Bonjour Deutschland!" von Martine Lestrat

Dieses Buch hat mir wirklich viel Freude bereitet. Martine Lestrat ist vor vielen Jahren von Nordfrankreich nach Deutschland ausgewandert. Ohne Sprachkenntnisse, ohne Job, aber dafür mit Liebe im Herzen und Optimismus im Blut. In "Bonjour Deutschland!" hat die sympathische Französin aufgeschrieben, wie sie ihre ersten Jahre hier erlebt hat. Martine macht dies mit sehr viel Humor. Jedes Kapitel ist so charmant verfasst, dass man am Ende nur eines denkt: "Das war's schon? Schade - bitte mehr davon!"

Mit nur wenigen einstudierten Sätzen wie "Großvater ist hungrig" und "Ich habe meinen Weihnachtswunschzettel gemacht" - Sätzen, die im Alltag nicht besonders hilfreich sind - kam sie in Deutschland an und stürzte sich in ihr neues Leben. Die deutsche Sprache lernte sie auf verschiedenen Wegen, aber ihre hilfreichsten Lehrer waren die Kinder eines Kindergartens, in dem sie gejobbt hatte. Kinder gehen viel natürlicher ans Sprachenlernen und -lehren heran als Lehrbücher. 

Französische und deutsche Gewohnheiten sind teilweise sehr unterschiedlich, wie Martine Lestrat feststellte. So nahm sie Abschied von den typisch französischen Begrüßungsküsschen und gewöhnte sich die herzlichen Umarmungen unter Freunden an. In ihrer Familie hat sie das Geknuddel inzwischen auch erfolgreich eingeführt. Schuhe für den Winter - gerade in diesem Jahr ist die Autorin sicher froh, dass sie die Vorteile dicker, warmer (und klobiger) Stiefel zu schätzen gelernt hat. 

Mir gefällt besonders, wie liebevoll und positiv Martine Lestrat ihre beiden Heimatländer vergleicht und beschreibt. Manches ist in Deutschland schöner, einfacher, praktischer. Anderes wiederum in Frankreich. Am schönsten ist es doch, wenn man von allem das Beste für sich selbst mitnehmen kann. Warum nicht ein bisschen französisches Flair nach Deutschland bringen? Warum nicht ein bisschen deutsche Umarmung nach Frankreich mitnehmen? Warum nicht Weihnachten so feiern, dass beide Traditionen miteinander im Einklang sind?

Martine Lestrat zeigt in "Bonjour Deutschland!", dass dies und noch viel mehr geht. Der Schlüssel dazu sind wir selbst. Wir alle können nebeneinander und miteinander leben, ohne dass einer dem anderen etwas wegnimmt, solange wir dabei nur freundlich und optimistisch sind. 

Liebe Martine, ich warte auf eine Fortsetzung und schicke dir ein paar französische bises und eine deutsche Umarmung - schließlich geht ja auch beides! 

Freitag, 5. Februar 2021

Freitagspoesie: "Nach dem Sturm" von Annelie Gerhard

Es gibt Gedichte, die treffen mich beim Lesen direkt ins Herz. Ich finde, Poesie hat immer etwas mit Gefühlen zu tun. So wenige Zeilen, die es schaffen, so viel auszudrücken - das ist wirklich Kunst. Ich bewundere Menschen, die das schaffen. Die dafür sorgen, dass du denkst: "Genau so ist es!" Die dich mit ihren Gedichten mitnehmen können und von Trauer über Mitgefühl, Entsetzen, Erleichterung oder Liebe alles in dir auslösen können.


Genauso erging es mir, als ich "Nach dem Sturm" zum ersten Mal gelesen habe. Meine liebe Autorenfreundin Annelie Gerhard hat es verfasst, als ihr ein riesiger Stein vom Herzen gefallen war. Noch während ich das Gedicht las, wusste ich, was sich in ihrem Leben gerade zum Positiven gewendet hatte, obwohl wir da noch nicht miteinander gesprochen hatten.

Jedes Wort, jede Zeile, die gesamte Komposition könnte ich immer wieder lesen. Einfach wundervoll. Aber lest selbst:



NACH DEM STURM

Wenn der Sturm sich gelegt,
Sich kein Halm mehr bewegt,
Wenn die Nacht ist vorbei
Und der Tag wieder frei,
Wenn die Luft endlich klar,
Wie sie's lang' nicht mehr war,
Wenn sie kraftvoll und rein,
Geh' ich raus, atme ein.
Fühl‘ die Welt um mich leicht,
Und die Zeit, die verstreicht,
Mich bestärkt und belebt,
Neue Wege anstrebt.

(c) Annelie Gerhard, 21.01.2021

Mittwoch, 3. Februar 2021

Mittwochsgedanken: Eine echte Lavendelgeschichte

Heute habe ich eine echte Lavendelgeschichte für euch. Ich habe sie in Erinnerung an einen guten alten Markthändler geschrieben, bei dem ich mich lange Zeit mit dem besten ätherischen Öl eingedeckt habe, an dem ich je geschnuppert habe. Ein Besuch an seinem Stand war immer etwas Besonderes für mich. 





Eine Handvoll Lavendel

Ella stöhnte genervt. Die Frau hinter hier, die mit dem eleganten Filzhut, hatte ihr auf den Fuß getreten. Erst bei den Marmeladen, dann bei den Teelichtern. Jetzt schon wieder.

Gemütlicher Weihnachtsmarkt, einzigartiges Ambiente – von wegen! Das hier war von allem zu viel. Zu viel Schnickschnack, zu viel Essen, zu viel Glühwein. Und vor allem: zu viele Menschen. Sie musste hier raus!

Ella presste ihre Handtasche ganz eng an ihren Bauch und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Das war nicht einfach und brachte ihr einige verständnislose Blicke ein.

Sie hatte schon die rettende Ausgangstür im Visier, da hielt sie plötzlich inne. Etwas zog sie in ihren Bann. Ein Gefühl. Ein Geruch! Einer, der hier so gar nicht hinpasste.

Lavendel!

Sofort schaltete Ella alles andere aus, folgte ihrem Geruchssinn, bog nach rechts ab und stand plötzlich in einem kleinen Nebenraum. Sie musste sich ducken, weil die Decke hier so niedrig war. Doch gleichzeitig war sie in den weiten lilafarbenen Feldern der Provence angekommen und verspürte nur noch eines: Glück!

Das alte Mütterchen, das stickend an einem kleinen Holztisch kauerte, lächelte wissend und nickte ihr zu.

„Bonjour, Madame.“

Ella nickte zurück und steuerte eine Kiste an, die bis obenhin mit Lavendelblüten gefüllt war. Ein einziges Lavendelblütenmeer.

„Nun fassen Sie schon hinein!“

Neben Ella stand plötzlich ein weißhaariger Mann mit Strohhut, Leinenhemd und unwiderstehlichem Lächeln bis hinauf zu den wasserblauen Augen. Ella vergrub ihre Hände in den Blüten und schloss die Augen.

Der Lavendelverkäufer lachte leise und erzählte ihr von den Feldern in Südfrankreich und von den Lavendelbauern, bei denen er Jahr für Jahr im Spätsommer den Lavendel kaufte.

„So wie Ihnen ging es mir auch, als ich das erste Mal dort war. Und als ich meine Marie …“, er lächelte liebevoll hinüber zu seiner Frau, „kennenlernte, wusste ich endlich, was ich mit meinem Ruhestand anfangen sollte. Lavendel ist Glück. Und Marie ist mein Lavendelmädchen.“

Ella war gerührt. Der kleine Raum unterm Dach war erfüllt von tiefem Frieden. Hier gab es keine Sorgen, nur den Lavendelduft und die alte Liebe. 

Der alte Mann wechselte ein paar Worte auf Französisch mit seiner Frau. Dann drehte er sich wieder zu Ella um und überreichte ihr ein Stück naturfarbenes Leinen, mit zarten Lavendelblüten bestickt.

„Aber das kann ich nicht annehmen!“, flüsterte Ella. Eine Träne rollte plötzlich über ihre Wange.

Marie war aufgestanden und legte ihre Hand weich auf Ellas.

„Tout ira bien.“ Alles wird gut.

Ella erwiderte ihren Blick und erschrak für einen Moment, denn sie hatte sich selbst gesehen. Mit all ihrem Kummer.



Donnerstag, 28. Januar 2021

Lebensgeschichten - Als meine Mutter plötzlich nicht mehr ins Pflegeheim durfte

Heute möchte ich euch die Geschichte meiner Mutter erzählen, die sie aufgeschrieben hat, als Corona plötzlich ihr Leben auf den Kopf gestellt hat.





Im November 2019 ist mein 80-jähriger Mann in einem DRK-Pflegeheim aufgenommen worden. Ich habe ihn jahrelang selbst gepflegt, bis ich physisch und psychisch nicht mehr dazu in der Lage war. Er hatte vor Jahren einen Herzinfarkt, dazu folgten Hüft-OP, Prostata-OP, Orbitalboden-OP nach Sturz, einige leichte Schlaganfälle, immer wiederkehrendes Vorhofflimmern, Demenz, viele Stürze auf Grund seiner Bewegungseinschränkungen, Störung des Tag- und Nachtrhythmus, Rollstuhl.

Im Pflegeheim wurde er sehr liebevoll aufgenommen, für mich war es äußerst emotional. Ich wollte ihn nie ins Pflegeheim geben und doch schaffe ich es nicht mehr, war überfordert, der Schlaf fehlte. Mein schlechtes Gewissen plagt mich, obwohl jeder sagt: „Es ist richtig so.“ Ich weiß es auch, aber …

Die Ärzte raten mir schon im Sommer zu diesem Schritt, aber ich will es schaffen, alleine. Und allein war ich in jeder Beziehung – keine Hilfe!

Ich besuche ihn täglich im Heim. Anfangs will er immer nach Hause, die Eingewöhnungszeit dauert. Eine Pflegerin fragt, ob es ihm hier nicht gefalle und er antwortet: „Doch.“ Und strahlt sie an. Für mich ein Glücksgefühl und Hoffnungsschimmer. Es wird schon werden.

Langsam gewöhne auch ich mich an die Atmosphäre im Heim und fühle mich wohl. Alle Bewohner sind demenzkrank und ich lerne die verschiedenen Formen und Entwicklungsstufen der Demenz kennen. Die Bewohner gewöhnen sich auch mehr oder weniger an mich, bin ich doch täglich dort. Eine Bewohnerin kann noch sehr gut und sehr schnell gehen, spricht aber nicht. Als sie mich nach einigen Wochen anlächelt, ist es ein Glücksgefühl für mich. Irgendwann im Winter kommt sie mir im Flur entgegen. Ich nehme mit meinen eiskalten Händen ihr Hände und sie sagt: „Das gibt’s doch nicht!“ Was für eine wundervolle Reaktion. Sie spricht! Später guckt sie zu uns ins Zimmer rein, sieht mich an und ich sage: „Meine Hände sind wieder warm.“, sie antwortet: „Dann ist gut.“ Es sind solche kleinen Momente, die glücklich machen.

Die Meisten auf der Wohnebene kennen meinen Namen - die Pflegekräfte sowieso - weil mein Mann mich sehr oft ruft, hauptsächlich nachts, wenn er wieder mal gestürzt ist. Er vermisst mich. Ich vermisse ihn auch und doch ist es die beste Lösung so. Er wird gut versorgt und es ist immer sofort Hilfe da. Er braucht oft Hilfe.

Ja, und dann kommt der 13. März und ich stehe vor verschlossener Tür. Corona! Besuchsverbot bis auf Weiteres! Damals ging man noch von zwei bis drei Wochen aus, aber weit gefehlt. Jetzt im Juni ist es immer noch so, allerdings mit leichten Lockerungen. Mein Mann versteht nicht, warum ich jetzt nicht mehr komme, nicht mehr kommen darf. Immer wieder Erklärungen. Wie soll er es auch verstehen, man versteht es ja selbst kaum. Die Pflegebedürftigen haben ja keinen Bezug dazu. Sie erleben nicht das Tragen des Mundschutzes in Geschäften, Bussen usw., das Abstandhalten, dass man sich mit Mitgliedern verschiedener Haushalte nicht treffen darf und all diese bekannten Maßnahmen. Ich bin froh, dass wir noch telefonieren können, wenn es auch nur fünf Minuten sind, weil er dann überfordert ist und schlafen will. Aber wir hören uns! Oft muss das Pflegepersonal helfen, wenn er es wieder einmal nicht geschafft hat, den Hörer aufzulegen. Zum Glück ist es ein altes Telefon mit Hörer, denn mit einem Modernen würde er gar nicht mehr zurechtkommen. Er selbst ruft keinen an, er schafft es nicht mehr, kennt auch unsere Telefonnummer nicht mehr.

Nach acht endlos erscheinenden Wochen darf ich ihn am Zaun des Heimes besuchen. Er sitzt im Garten, ich stehe auf dem Parkplatz, zwei Meter Entfernung. Was in dem Moment gefühlsmäßig in mir vorgeht, kann ich kaum beschreiben. Meine Tränen fließen. Er versteht nicht, warum ich nicht reinkomme. „Das Tor ist verschlossen! Gleich holen sie dich, dann gehen wir in mein Zimmer.“ Sie holen mich nicht - ich weiß es! Es sind die Vorschriften, die richtig sind, die ich total verstehe, weil diese Personen im Heim eine Vorgeschichte haben, weil sie gesundheitlich besonders gefährdet sind, und doch: Es ist so schwer - für beide Seiten! „Wann kommst du wieder?“, ich weiß es nicht. „Hol mich heim!“, es geht nicht. Es tut so weh. Das schlechte Gewissen meldet sich wieder.

Eine gute Woche später dürfen wir uns im Heim wiedersehen, in einem speziell eingerichteten Besucherzimmer, an einem zwei Meter langen Tisch, mittendrin eine Plexiglasscheibe, eine Pflegekraft als Aufsicht dabei. Vorher Hände desinfizieren, Mundschutz, Zettel ausfüllen, dass ich keinen Kontakt zu COVID-19-Patienten hatte und gesund bin. Für 30 Minuten dürfen wir uns sehen. Für ihn reicht es. Nach 30 Minuten baut er ab und ist nicht mehr aufnahmefähig. Ich soll mit in sein Zimmer kommen - wieder Erklärungen. Er wird mit dem Rollstuhl weggefahren, ich darf ihn nicht umarmen. Er will ein Abschiedsküsschen. Wir dürfen nicht. Wie soll er das alles verstehen?! Es tut richtig weh. Aber: Ich darf ihn weiterhin besuchen, immer nach Terminvergabe, immer für 30 Minuten und immer mit den gleichen Vorsichtsmaßnahmen. Ich hoffe so sehr, dass diese schlimme Corona-Zeit, die mir ewig in Erinnerung bleiben wird, bald vorbei ist, dass alles wieder normal wird, dass ich meinen Mann wie anfangs regelmäßig besuche, ihn in den Arm nehmen kann, und dass ich auch die anderen Heimbewohner wiedersehe.

Ein großes Lob und Dankeschön gebührt allen Mitarbeitern des Pflegeheimes. Sie kümmern sich aufopferungsvoll und liebevoll um alle Bewohner. Sie müssen so vieles auffangen, erklären, trösten. Kein leichter Job, zu „normalen“ Zeiten nicht und jetzt erst recht nicht.




Mittwoch, 27. Januar 2021

Buchvorstellung: Der Mann, der zu spät kam: Der letzte Vorhang

Das Buch "Der Mann, der zu spät kam: Der letzte Vorhang" habe ich wirklich mit Genuss gelesen. Es handelt sich um einen Thriller aus der Feder von J. M. Holland, den ich in einer Autorengruppe kennen- und schätzen gelernt habe.

Hollands Schreibstil ist klar, sehr gut lesbar und nach meiner Meinung fast perfekt. Jedes Wort gehört an seinen Platz, in jedem Satz steckt eine Aussage. Beim Lesen war ich vom ersten bis zum letzten Wort ganz nah am Geschehen. 

Zum Inhalt:

Mitten in der Vorstellung in einem alten Berliner Theater wird ein Schauspieler erschossen. Kommissar Nicke muss diesen vertrackten Fall, bei dem es keine Augenzeugen und keinerlei Hinweise gibt, aufklären.

Der Taxifahrer Barnie, der noch immer von seiner aktiven Theaterzeit träumt und das Theater so gut kennt wie kaum ein anderer, darf seinem alten Freund Nicke helfen, den Mord aufzuklären. Doch beide behalten zunächst einige Informationen für sich. Hat Barnie womöglich den mutmaßlichen Mörder als Fahrgast zum Theater transportiert, ohne es zu wissen? 

Das Finale dieses Thrillers, der ohne Brutalität und Blutvergießen auskommt, ist überraschend. Ich als Leserin habe die ganze Zeit Hinweise bekommen, aber durch den geschickt geknüpften Handlungsablauf falsch interpretiert. So mag ich das! Es gibt in einem Krimi oder Thriller, bei dem der Täter gesucht wird, ja nichts Schlimmeres, als wenn man in der Mitte der Geschichte schon weiß, wer es ist. Trotzdem möchte man natürlich seinen Teil zur Lösung des Falles beitragen und ahnen, dass man schon ganz dicht dran ist! Das ist dem Autor hier wirklich gut gelungen - das "Ach!" am Ende war ein großes "Ach!".

Beim Lesen wurde deutlich, wie gut sich der Autor in der Theaterwelt auskennt. Beinahe habe ich die Bühnenbretter knarren und die Vorhänge rascheln gehört. Ich wurde hier sehr gut mitgenommen und im Theater herumgeführt, auch hinter der Bühne. Das Berliner Viertel, in dem das Theater steht, wurde mir im Laufe der Geschichte ebenfalls sehr vertraut. 

Dazu muss ich sagen, dass ich noch nicht viele Romane gelesen habe, in dem das "Berlinern" so natürlich und echt wiedergegeben wurde wie hier. Mir sind schon mehrere Geschichten untergekommen, in denen der Dialekt total übertrieben oder einfach falsch aufgeschrieben wurde. Dialekt in Schriftform ist natürlich schwierig und nicht jeder, der darüber schreibt, ist auch ein waschechter Berliner, Kölner oder Ostfriese. Aber wenn man Mundart schreibt, sollte man entweder den Dialekt selbst beherrschen (so wie hier) oder sich jemanden suchen, der das auch in Schriftform kann. Das ist natürlich nur meine Meinung, aber mich persönlich schreckt es ab, wenn ein Dialekt - egal welcher - falsch wiedergegeben wird.

Fazit: Handlungsaufbau, Flair, Figuren, Spannung und Schreibstil haben mich vollends überzeugt.



Für alle Colliens, Giseles und Karlas dieser Welt

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