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Freitag, 9. Mai 2025

Warten (Kurzgeschichte vom Nordhessischen Autorenpreis 2019/20)

»Auch wieder hier?« Ich setze mich ihm gegenüber an den kleinen Tisch, auf dem ein zerfleddertes Rätselheft liegt.
   Er schaut kurz hoch, seine blauen Augen wirken abwesend. Eigentlich wie immer, und doch ist heute irgendwas anders. Er ist gar nicht richtig da, sein Nicken nur angedeutet. Er weiß nicht, dass ich gestern auch schon hier war. Und vorgestern.
   Wie sich die Haut im Alter doch verändert, denke ich, während ich ihn betrachte. Hier begegnen mir häufig alte Menschen, und sie alle haben die gleiche wächserne Haut. Die Runzeln, die noch wenige Jahre zuvor von einem bewegten Leben zeugten, werden konturlos und verlieren an Spannung. Wie ein Filter, eine Art Weichzeichner, der das Leben langsam ausradiert.
   Wenn das hektische Geklapper der Geschirrwagen nach dem Mittagessen wieder verstummt, aber noch keine Besucher auf der Station sind, komme ich hierher. Vom Fenster am Ende des Flures kann ich auf den hellgrünen Gebäudekomplex gegenüber schauen, in dem mein Büro ist. Ihm ist es wahrscheinlich egal, ob ich hier bin oder nicht. Er nimmt kaum Notiz von mir, wartet auf seine Frau. Jeden Tag um die gleiche Zeit.
   Er versucht, in seinem Rollstuhl Haltung anzunehmen, wenn sie kommt. Doch sein Körper erinnert sich nicht mehr, bleibt schlaff und krumm.
   »Wie alt sind Sie eigentlich?«, frage ich neugierig. Ich sieze ihn, er kennt mich ja nicht.
   Sein Blick wandert von der Stationstür zu mir. »Dreiundzwanzig.« Er schaut mich ernst an.
   »Dann bin ich ja ein ganzes Jahr älter als Sie«, gebe ich erstaunt zurück.
   »Dafür haben Sie sich aber gut gehalten«, meint er trocken und nickt anerkennend. Tausend kleine Fältchen umrahmen plötzlich seine Augen wie Sonnenstrahlen und er prustet los. 
   Ich stimme mit ein. Eine Träne, die aus dem Augenwinkel über seine gerötete Wange kriecht, wischt er unbeholfen weg. In diesem Moment leuchten seine Augen wie schon lange nicht mehr.
   Sein Blick wandert wieder zur Tür.
   »Ihre Frau kommt sicher gleich«, sage ich, um das Gespräch aufrecht zu erhalten.
   »Meine Frau? Nein, nein, ich warte auf den Zug. Meine Frau ist schon vorgefahren.«
   Er macht schon wieder Witze, denke ich und schaue ihn an. Aber nein, diesmal meint er es ernst. Er blickt auf den weißen Streifen an seinem Handgelenk, wo früher die Uhr war.
   »Wo wollen Sie denn hinfahren?«, frage ich ihn.
   »Nach Kassel. Und dann weiter nach Hamburg. Meine Frau wartet in Kassel auf mich. Wir haben gestern geheiratet«, erzählt er glücklich.
   »Das ist ja toll, herzlichen Glückwunsch!« Seltsam, so mit ihm zu plaudern. Aber er freut sich und lächelt mich an. »Danke. Sie ist die schönste Braut in ganz Hessen.«
   »Das glaube ich«, erwidere ich. Ich freue mich, dass er heute so viel mit mir redet. Das macht er selten.
   »Möchten Sie auch einen Kaffe?« Ich deute auf den Automaten an der Wand.
   »Das heißt Kaffee. Meine Frau vergisst das auch immer.«
   »Okay.« Ich muss grinsen. »Und? Möchten Sie?«
   »Was?« Jetzt ist sein Blick plötzlich wieder leer, das Funkeln verschwunden.
   »Einen Kaffee?«, wiederhole ich.
   »Nein, mein Zug kommt gleich«, murmelt er gedankenverloren.
   Die Tür schwingt auf und eine Frau kommt lächelnd auf uns zu.
   »Hallo Oma«, sage ich, drücke meine Großmutter kurz und lege meinem Großvater zum Abschied die Hand auf die Schulter. »Ich muss wieder rüber.«
   »Mach´s gut, Junge.« Erstaunt blicke ich ihn an. Mein Großvater zwinkert mir zu und hebt die Hand zum Gruß.
   Ein letztes Mal.

Donnerstag, 28. Januar 2021

Lebensgeschichten - Als meine Mutter plötzlich nicht mehr ins Pflegeheim durfte

Heute möchte ich euch die Geschichte meiner Mutter erzählen, die sie aufgeschrieben hat, als Corona plötzlich ihr Leben auf den Kopf gestellt hat.





Im November 2019 ist mein 80-jähriger Mann in einem DRK-Pflegeheim aufgenommen worden. Ich habe ihn jahrelang selbst gepflegt, bis ich physisch und psychisch nicht mehr dazu in der Lage war. Er hatte vor Jahren einen Herzinfarkt, dazu folgten Hüft-OP, Prostata-OP, Orbitalboden-OP nach Sturz, einige leichte Schlaganfälle, immer wiederkehrendes Vorhofflimmern, Demenz, viele Stürze auf Grund seiner Bewegungseinschränkungen, Störung des Tag- und Nachtrhythmus, Rollstuhl.

Im Pflegeheim wurde er sehr liebevoll aufgenommen, für mich war es äußerst emotional. Ich wollte ihn nie ins Pflegeheim geben und doch schaffe ich es nicht mehr, war überfordert, der Schlaf fehlte. Mein schlechtes Gewissen plagt mich, obwohl jeder sagt: „Es ist richtig so.“ Ich weiß es auch, aber …

Die Ärzte raten mir schon im Sommer zu diesem Schritt, aber ich will es schaffen, alleine. Und allein war ich in jeder Beziehung – keine Hilfe!

Ich besuche ihn täglich im Heim. Anfangs will er immer nach Hause, die Eingewöhnungszeit dauert. Eine Pflegerin fragt, ob es ihm hier nicht gefalle und er antwortet: „Doch.“ Und strahlt sie an. Für mich ein Glücksgefühl und Hoffnungsschimmer. Es wird schon werden.

Langsam gewöhne auch ich mich an die Atmosphäre im Heim und fühle mich wohl. Alle Bewohner sind demenzkrank und ich lerne die verschiedenen Formen und Entwicklungsstufen der Demenz kennen. Die Bewohner gewöhnen sich auch mehr oder weniger an mich, bin ich doch täglich dort. Eine Bewohnerin kann noch sehr gut und sehr schnell gehen, spricht aber nicht. Als sie mich nach einigen Wochen anlächelt, ist es ein Glücksgefühl für mich. Irgendwann im Winter kommt sie mir im Flur entgegen. Ich nehme mit meinen eiskalten Händen ihr Hände und sie sagt: „Das gibt’s doch nicht!“ Was für eine wundervolle Reaktion. Sie spricht! Später guckt sie zu uns ins Zimmer rein, sieht mich an und ich sage: „Meine Hände sind wieder warm.“, sie antwortet: „Dann ist gut.“ Es sind solche kleinen Momente, die glücklich machen.

Die Meisten auf der Wohnebene kennen meinen Namen - die Pflegekräfte sowieso - weil mein Mann mich sehr oft ruft, hauptsächlich nachts, wenn er wieder mal gestürzt ist. Er vermisst mich. Ich vermisse ihn auch und doch ist es die beste Lösung so. Er wird gut versorgt und es ist immer sofort Hilfe da. Er braucht oft Hilfe.

Ja, und dann kommt der 13. März und ich stehe vor verschlossener Tür. Corona! Besuchsverbot bis auf Weiteres! Damals ging man noch von zwei bis drei Wochen aus, aber weit gefehlt. Jetzt im Juni ist es immer noch so, allerdings mit leichten Lockerungen. Mein Mann versteht nicht, warum ich jetzt nicht mehr komme, nicht mehr kommen darf. Immer wieder Erklärungen. Wie soll er es auch verstehen, man versteht es ja selbst kaum. Die Pflegebedürftigen haben ja keinen Bezug dazu. Sie erleben nicht das Tragen des Mundschutzes in Geschäften, Bussen usw., das Abstandhalten, dass man sich mit Mitgliedern verschiedener Haushalte nicht treffen darf und all diese bekannten Maßnahmen. Ich bin froh, dass wir noch telefonieren können, wenn es auch nur fünf Minuten sind, weil er dann überfordert ist und schlafen will. Aber wir hören uns! Oft muss das Pflegepersonal helfen, wenn er es wieder einmal nicht geschafft hat, den Hörer aufzulegen. Zum Glück ist es ein altes Telefon mit Hörer, denn mit einem Modernen würde er gar nicht mehr zurechtkommen. Er selbst ruft keinen an, er schafft es nicht mehr, kennt auch unsere Telefonnummer nicht mehr.

Nach acht endlos erscheinenden Wochen darf ich ihn am Zaun des Heimes besuchen. Er sitzt im Garten, ich stehe auf dem Parkplatz, zwei Meter Entfernung. Was in dem Moment gefühlsmäßig in mir vorgeht, kann ich kaum beschreiben. Meine Tränen fließen. Er versteht nicht, warum ich nicht reinkomme. „Das Tor ist verschlossen! Gleich holen sie dich, dann gehen wir in mein Zimmer.“ Sie holen mich nicht - ich weiß es! Es sind die Vorschriften, die richtig sind, die ich total verstehe, weil diese Personen im Heim eine Vorgeschichte haben, weil sie gesundheitlich besonders gefährdet sind, und doch: Es ist so schwer - für beide Seiten! „Wann kommst du wieder?“, ich weiß es nicht. „Hol mich heim!“, es geht nicht. Es tut so weh. Das schlechte Gewissen meldet sich wieder.

Eine gute Woche später dürfen wir uns im Heim wiedersehen, in einem speziell eingerichteten Besucherzimmer, an einem zwei Meter langen Tisch, mittendrin eine Plexiglasscheibe, eine Pflegekraft als Aufsicht dabei. Vorher Hände desinfizieren, Mundschutz, Zettel ausfüllen, dass ich keinen Kontakt zu COVID-19-Patienten hatte und gesund bin. Für 30 Minuten dürfen wir uns sehen. Für ihn reicht es. Nach 30 Minuten baut er ab und ist nicht mehr aufnahmefähig. Ich soll mit in sein Zimmer kommen - wieder Erklärungen. Er wird mit dem Rollstuhl weggefahren, ich darf ihn nicht umarmen. Er will ein Abschiedsküsschen. Wir dürfen nicht. Wie soll er das alles verstehen?! Es tut richtig weh. Aber: Ich darf ihn weiterhin besuchen, immer nach Terminvergabe, immer für 30 Minuten und immer mit den gleichen Vorsichtsmaßnahmen. Ich hoffe so sehr, dass diese schlimme Corona-Zeit, die mir ewig in Erinnerung bleiben wird, bald vorbei ist, dass alles wieder normal wird, dass ich meinen Mann wie anfangs regelmäßig besuche, ihn in den Arm nehmen kann, und dass ich auch die anderen Heimbewohner wiedersehe.

Ein großes Lob und Dankeschön gebührt allen Mitarbeitern des Pflegeheimes. Sie kümmern sich aufopferungsvoll und liebevoll um alle Bewohner. Sie müssen so vieles auffangen, erklären, trösten. Kein leichter Job, zu „normalen“ Zeiten nicht und jetzt erst recht nicht.




Für alle Colliens, Giseles und Karlas dieser Welt

  Starke Frauen – jetzt erst recht! 💜 Auf Instagram habe ich im März – dem Monat, an dem der Internationale Frauentag gefeiert wird – imme...