Posts mit dem Label Geschichten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Geschichten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 2. Juni 2021

Gruseln für den guten Zweck - mit der neuen Sternzeit-Anthologie

"Noch eine Anthologie?", höre ich da den einen oder anderen sagen. Aber hey: Diese Kurzgeschichtensammlung ist etwas ganz Besonderes. 

Schau dir dieses Buch nur mal an!

Der Tiger springt dir beinahe entgegen. Du hast gar keine andere Möglichkeit, als nach dem Buch zu greifen, stimmts?

Der Umschlag des Taschenbuches fühlt sich samtig an, irgendwie lebendig. Vielleicht liegt das an dem, was drin steckt?

Denn diese 28 Geschichten und Gedichte werden dich nicht sanft in den Schlaf lullen. Nein, sie werden dir den Schlaf rauben, sie werden dich zittern lassen!

Du wirst dreimal kontrollieren, ob du deine Haustür abgeschlossen hast, wirst deine Kellertür verbarrikadieren, eine Eisenpfanne unter dem Kopfkissen verstecken, die Jalousien herunterlassen und deine Decke über den Kopf ziehen, bevor du das Buch aufschlägst und im Schein der Taschenlampe zu lesen beginnst ... Wie gesagt, die Anthologie hat es in sich.

Was uns Autoren dazu bewogen hat, mitten im Sommer Gruselgeschichten zu veröffentlichen?

Das war die gemeinsame Freude am Schreiben, das Abenteuer, das dieses Genre uns eröffnet hat. Gruselgeschichten offenbaren unsere größten Ängste, aber auch fast immer eine Lösung dazu. Sie sind eine Flucht aus der realen Welt, beflügeln die Fantasie, lassen das Herz höher schlagen und uns sanft wieder auf dem Boden der Realität landen.

Haben wir nicht schon als Kinder gern Schauergeschichten erzählt und gehört? Die Gänsehaut genossen, die uns über den Rücken gekrochen ist? Und dabei geflüstert und das große Licht ausgeschaltet, um die knisternde Spannung bis zur Unerträglichkeit zu erhöhen?

Genau deshalb sind diese Geschichten entstanden. Von Anfang an war uns dabei klar, dass wir den Erlös spenden werden. Und zwar für Kinder.

Schon in der letzten Anthologie haben wir den Verein Viel Farbe im Grau e.V. unterstützt. Die lieben Menschen dort sorgen unter anderem dafür, dass schwerkranke Kinder sich einen ihrer größten Wünsche erfüllen können, zum Beispiel eine Reise ans Meer oder einen Flug mit dem Helikopter.

Wir als AutorInnen der Facebook-Gruppe "Autoren-Sternzeit" sind stolz darauf, dass wir mit dazu beitragen können, die Wünsche dieser Kinder zu erfüllen und ihnen und ihren Familien ein paar glückliche Momente schenken zu können.

Und womit könnten wir das besser als mit unseren Geschichten?

Wenn ich dich jetzt neugierig gemacht habe, dann musst du nur noch auf den Link im nächsten Satz klicken. Das Buch ist erhältlich als Taschenbuch und als eBook bei Amazon.

Dich erwarten fast 400 Seiten Spannung und Gänsehaut, unter anderem auch meine Geschichte "Pfotenwandler".

Gruselige Grüße,

Marlene



Donnerstag, 1. April 2021

Ode an die Hefe - eine Erinnerung

Wisst ihr noch? Corona? Plötzlich standen wir zum ersten Mal vor leeren Regalen im Supermarkt, auf der Suche nach Klopapier, Nudeln, Mehl und - genau: Hefe! 

2021: Die Supermarktlage hat sich zum Glück wieder normalisiert. In diesem Jahr habe ich aus Hefeteig kleine Osterkränze und -hasen für unsere Mitarbeiter gebacken. Aber dabei fiel mir meine kleine "Ode an die Hefe" vom letzten Jahr wieder ein. Und weil Ostern ist, schenke ich sie euch heute ein zweites Mal.

Ich wünsche euch allen ein fröhliches, buntes, leckeres und sonniges Osterfest! 


Ode an die Hefe

So viele Jahre hast du unbeachtet und ungeliebt im Backregal gestanden. In hässlichen Tütchen, eingekeilt zwischen Backpulver und Vanillezucker.

Überhaupt, dieses Backpulver. Hat es dich nicht immer hämisch angegrinst und sich schon in der Tüte aufgebläht? „Guck mal, wie locker ich bin! Und wie schnell ich den Teig fluffig mache. Nicht so anspruchsvoll wie du: Brauchst Wärme, aber nicht zu viel. Brauchst Zeit, und davon nicht zu wenig. Willst geknetet werden, bis du schön blasig wirst. Bis DU endlich in den Backofen darfst, bin ich schon lange fertig. Wer will dich schon, du olle, miefige Hefe?“

Links von dir das Puddingpulver kichert fett und hinterlässt eine Staubwolke. „Ich bin noch schneller fertig als ihr und alle lieben mich!“ Der Vanillezucker nickt dümmlich, wie immer.

Wie oft hast du vor deinem Regal schon den Satz gehört: „Hefe? Nee, damit kann ich nicht backen. Hefeteig gelingt mir NIE!“ Und das Backpulver streckte dir die Zunge heraus, als es in den Einkaufskorb wanderte.

Aber heute? Backpulver und Vanillezucker schielen ganz verstohlen auf den leeren Platz im Regal, wo du immer treu gestanden und ausgeharrt hast. Schon seit Tagen bist du ausverkauft und fristest nun dein Dasein in riesigen Vorratskammern, wo du vermutlich einfach vergessen wirst und in ein paar Jahren in die Mülltonne wanderst. Vorher kannst du aber noch zuschauen, wie sich Ungeziefer in den hundert Tüten Mehl breitmacht, die um dich herum gestapelt wurden. Vorausgesetzt natürlich, dass nicht das ganze Klopapier deine Sicht versperrt. Schau mal nach unten: Hast du gesehen, dass die Kartoffeln schon anfangen zu keimen? Die wandern noch vor dir in die Tonne, falls dich das tröstet.

Deiner Schwester, der molligen Frischhefe, geht es übrigens auch nicht besser. Sie hatte früher den besten Platz im Kühlregal, konnte alles überschauen und hat sich köstlich amüsiert, weil die Leute sie nie, wirklich niemals, auf den ersten Blick gefunden haben. Sie wurde dir immer vorgezogen, was dich manchmal geärgert hat. Aber du konntest ihr nie lange böse sein.

Jetzt rächt sich, dass sie nicht so lange haltbar ist wie du, denn sie wird eingefroren. Liegt zitternd in vollgestopften Eisfächern, zwischen Erbsen, Eis und Petersilie, ganz hinten an der eisverkrusteten Wand. Oder sie hängt in übergroßen Kühltruhen in einem Korb und schaut bibbernd den ganzen Tag auf dutzende Brotlaibe, die eingefroren wurden, da die Menschen ja doch lieber fertige Sachen auftauen, statt selbst zu backen. Deine Schwester ahnt schon, genau wie du in deiner Vorratskammer, dass sie vergessen werden wird.

Ach, Hefe, wärst du doch nur mit mir mitgekommen. Ich hätte dich wie immer liebevoll zu Teig verarbeitet, massiert, geknetet und auch geschlagen (ja, ich weiß, du stehst da drauf), dich ganz gemütlich gehen lassen und zu Zwetschgenkuchen, Brot, Pizza oder Hefeklößen verarbeitet. Ich vermisse dich, aber irgendwann liegst du sicher wieder im Supermarktregal und grinst frech hinüber zum Backpulver. Und auch deine Schwester beobachtet mich bestimmt bald wieder freudig, wenn ich ihr neues Versteck suche.

Bis dahin hoffe ich, dass ihr beiden doch noch eure Bestimmung findet und mit all dem eingelagerten Mehl, dem Zucker und der H-Milch wunderbare Verbindungen eingehen werdet.


Dienstag, 23. Februar 2021

Schlaflose Nächte


 ... oder: Was einer Autorin so einfällt, wenn sie nachts nicht schlafen kann. Alles ist natürlich frei erfunden, erstunken und erlogen.

 

Ella und der Schnarch

Ella liegt nicht mehr allein neben Heinrich im Ehebett. Vor ein paar Monaten ist noch jemand Drittes eingezogen: Der Schnarch. Dieser unangenehme Zeitgenosse vereinnahmt seither Nacht für Nacht die Atemorgane ihres Gatten. Nicht nur im Bett. Nein, auch auf dem Sofa oder Sessel. Sobald sich Heinrichs Lider geschlossen haben, kommt der Schnarch.

Zuerst nur zaghaft, im Wechsel mit normalen Atemgeräuschen. Und im Wechsel mit den jetzt noch flatterhaften Augenlidern. Wenn Ella ihren Mann so beobachtet, bekommt sie den Eindruck, dass da zwei Seelen miteinander kämpfen. Doch Abend für Abend gewinnt eindeutig der Schnarch, dieser alte Mistkerl.

Auf die anfänglich noch beinahe angenehmen Attacken, die fast sanft im Raum schweben, folgen erste Sägeversuche. Es dauert, bis die Säge richtig anspringt und gleichmäßig durchs Unterholz gleitet.

Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem Ellas liebevolle Blicke düster werden. Was im Fernseher gesprochen wird, ist schon lange nicht mehr zu verstehen. Den Dezibelkampf hat die Flimmerkiste verloren, auch wenn sie stur immer weiter Bilder in den Raum jagt und die neuen Hintergrundgeräusche klaglos hinnimmt.

Nicht so Ella. Ihr Puls ist nun sehr lebendig, da können Spitzensportler nur neidisch abwinken. Gleich, gleich wird es passieren.

Und da: Der Höhepunkt des ersten Schnarchkonzerts gipfelt im Klang eines russischen Panzers, der gerade eine Schneise durch die Taiga zu schlagen gedenkt.

Das Schöne daran ist, dass Heinrich hier stets für wenige Sekunden die Augen öffnet und überrascht um sich schaut. Doch schon ein Blick zu Ella genügt, um die Lider wieder zufallen zu lassen und die zweite Runde einzuläuten.

Dies ist der Moment, in dem Ella tief – sehr tief – einatmet und ins Schlafzimmer flieht. Abend für Abend hofft sie, dass ihre Tiefschlafphase beginnt, ehe ihr Gatte sich neben ihr weiter mit seinem Nasen-Harvester durch den Forst pflügt. Meistens gelingt ihr dieses Unterfangen, doch manchmal ereilt sie ihr Schlaf nicht schnell genug.

Im Bett ist kein Sicherheitsabstand mehr zwischen ihnen – ein Abstand, den Heinrich vielleicht irgendwann einmal dringend nötig haben würde.

Im Bett gibt es keine Schnarchgrenzen mehr; Heinrich lässt seiner Kreativität freien Lauf. Von wegen, geschnarcht wird nur in Rückenlage! Letztens ist Ella aufgeschreckt, weil sie dachte, der Staubsauger hätte sich am Kissen festgesaugt!

Zweifellos die häufigsten Variationen sind jedoch diese:

Variation Rückenlage: Typ Motorsäge mit kaputtem Anlasser; das Finale beschert das Geräusch einer umkrachenden Fichte – jedoch nie auf Heinrich persönlich.

 Variation Seitenlage: Erst leises, dann lautes Pusten, untermalt von hoffnungsvollen Aussetzern, beendet von Grunzlauten. Gefühlt befindet sich Ella dann inmitten einer Rotte von Wildschweinen, während im Hintergrund schon wieder jemand die olle Säge anschmeißen will.

Möglichkeiten, das Schnarchen zu unterbinden: Keine.

Versuche: Hunderte.

Dazu gehören:

Den Arm aus Versehen hinüberfallen lassen auf den Gatten. Sowas kann passieren, ist aber einfach zu ungenau.

Wäscheklammer auf die Nase setzen. Totaler Blödsinn; der Schnarch sitzt im Rachen und kämpft so stark dagegen an, dass die Klammer im hohen Bogen von der Nase fliegt und den Dackel, der am Fußende des Bettes liegt, erschlägt.

Aus dem Bett schubsen. Geht nicht, Heinrichs Körper liegt wie festgetackert in seiner Betthälfte und springt bei jeglichen Roll- und Schubsversuchen schwungvoll wieder zurück in die Ausgangslage.

Ins Gästezimmer umziehen. Da nun im Schnarchgemach mehr leerer Raum zur Verfügung steht, vervielfacht sich das Dröhnen so stark, dass Ella das Gefühl hat, in einer riesigen, leeren Kirche zu stehen, in der der Organist gerade sein Instrument stimmt. Die Vibrationen des Echos schlagen Wellen bis ins Gästebett.

Gegenstörgeräusche entwickeln: Hat letztens Feuerwehr und SEK auf den Plan gerufen, während Heinrich seelenruhig weiterschnarchte.

Inzwischen ist Ella so übermüdet, dass sie Abend für Abend auf einen komatösen Schlaf hofft. Bis sie zu träumen beginnt. Von Heinrich, der sich eine Motorsäge gekauft hat.

(c) Marlene Liebschenk

Mittwoch, 3. Februar 2021

Mittwochsgedanken: Eine echte Lavendelgeschichte

Heute habe ich eine echte Lavendelgeschichte für euch. Ich habe sie in Erinnerung an einen guten alten Markthändler geschrieben, bei dem ich mich lange Zeit mit dem besten ätherischen Öl eingedeckt habe, an dem ich je geschnuppert habe. Ein Besuch an seinem Stand war immer etwas Besonderes für mich. 





Eine Handvoll Lavendel

Ella stöhnte genervt. Die Frau hinter hier, die mit dem eleganten Filzhut, hatte ihr auf den Fuß getreten. Erst bei den Marmeladen, dann bei den Teelichtern. Jetzt schon wieder.

Gemütlicher Weihnachtsmarkt, einzigartiges Ambiente – von wegen! Das hier war von allem zu viel. Zu viel Schnickschnack, zu viel Essen, zu viel Glühwein. Und vor allem: zu viele Menschen. Sie musste hier raus!

Ella presste ihre Handtasche ganz eng an ihren Bauch und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Das war nicht einfach und brachte ihr einige verständnislose Blicke ein.

Sie hatte schon die rettende Ausgangstür im Visier, da hielt sie plötzlich inne. Etwas zog sie in ihren Bann. Ein Gefühl. Ein Geruch! Einer, der hier so gar nicht hinpasste.

Lavendel!

Sofort schaltete Ella alles andere aus, folgte ihrem Geruchssinn, bog nach rechts ab und stand plötzlich in einem kleinen Nebenraum. Sie musste sich ducken, weil die Decke hier so niedrig war. Doch gleichzeitig war sie in den weiten lilafarbenen Feldern der Provence angekommen und verspürte nur noch eines: Glück!

Das alte Mütterchen, das stickend an einem kleinen Holztisch kauerte, lächelte wissend und nickte ihr zu.

„Bonjour, Madame.“

Ella nickte zurück und steuerte eine Kiste an, die bis obenhin mit Lavendelblüten gefüllt war. Ein einziges Lavendelblütenmeer.

„Nun fassen Sie schon hinein!“

Neben Ella stand plötzlich ein weißhaariger Mann mit Strohhut, Leinenhemd und unwiderstehlichem Lächeln bis hinauf zu den wasserblauen Augen. Ella vergrub ihre Hände in den Blüten und schloss die Augen.

Der Lavendelverkäufer lachte leise und erzählte ihr von den Feldern in Südfrankreich und von den Lavendelbauern, bei denen er Jahr für Jahr im Spätsommer den Lavendel kaufte.

„So wie Ihnen ging es mir auch, als ich das erste Mal dort war. Und als ich meine Marie …“, er lächelte liebevoll hinüber zu seiner Frau, „kennenlernte, wusste ich endlich, was ich mit meinem Ruhestand anfangen sollte. Lavendel ist Glück. Und Marie ist mein Lavendelmädchen.“

Ella war gerührt. Der kleine Raum unterm Dach war erfüllt von tiefem Frieden. Hier gab es keine Sorgen, nur den Lavendelduft und die alte Liebe. 

Der alte Mann wechselte ein paar Worte auf Französisch mit seiner Frau. Dann drehte er sich wieder zu Ella um und überreichte ihr ein Stück naturfarbenes Leinen, mit zarten Lavendelblüten bestickt.

„Aber das kann ich nicht annehmen!“, flüsterte Ella. Eine Träne rollte plötzlich über ihre Wange.

Marie war aufgestanden und legte ihre Hand weich auf Ellas.

„Tout ira bien.“ Alles wird gut.

Ella erwiderte ihren Blick und erschrak für einen Moment, denn sie hatte sich selbst gesehen. Mit all ihrem Kummer.



Donnerstag, 28. Januar 2021

Lebensgeschichten - Als meine Mutter plötzlich nicht mehr ins Pflegeheim durfte

Heute möchte ich euch die Geschichte meiner Mutter erzählen, die sie aufgeschrieben hat, als Corona plötzlich ihr Leben auf den Kopf gestellt hat.





Im November 2019 ist mein 80-jähriger Mann in einem DRK-Pflegeheim aufgenommen worden. Ich habe ihn jahrelang selbst gepflegt, bis ich physisch und psychisch nicht mehr dazu in der Lage war. Er hatte vor Jahren einen Herzinfarkt, dazu folgten Hüft-OP, Prostata-OP, Orbitalboden-OP nach Sturz, einige leichte Schlaganfälle, immer wiederkehrendes Vorhofflimmern, Demenz, viele Stürze auf Grund seiner Bewegungseinschränkungen, Störung des Tag- und Nachtrhythmus, Rollstuhl.

Im Pflegeheim wurde er sehr liebevoll aufgenommen, für mich war es äußerst emotional. Ich wollte ihn nie ins Pflegeheim geben und doch schaffe ich es nicht mehr, war überfordert, der Schlaf fehlte. Mein schlechtes Gewissen plagt mich, obwohl jeder sagt: „Es ist richtig so.“ Ich weiß es auch, aber …

Die Ärzte raten mir schon im Sommer zu diesem Schritt, aber ich will es schaffen, alleine. Und allein war ich in jeder Beziehung – keine Hilfe!

Ich besuche ihn täglich im Heim. Anfangs will er immer nach Hause, die Eingewöhnungszeit dauert. Eine Pflegerin fragt, ob es ihm hier nicht gefalle und er antwortet: „Doch.“ Und strahlt sie an. Für mich ein Glücksgefühl und Hoffnungsschimmer. Es wird schon werden.

Langsam gewöhne auch ich mich an die Atmosphäre im Heim und fühle mich wohl. Alle Bewohner sind demenzkrank und ich lerne die verschiedenen Formen und Entwicklungsstufen der Demenz kennen. Die Bewohner gewöhnen sich auch mehr oder weniger an mich, bin ich doch täglich dort. Eine Bewohnerin kann noch sehr gut und sehr schnell gehen, spricht aber nicht. Als sie mich nach einigen Wochen anlächelt, ist es ein Glücksgefühl für mich. Irgendwann im Winter kommt sie mir im Flur entgegen. Ich nehme mit meinen eiskalten Händen ihr Hände und sie sagt: „Das gibt’s doch nicht!“ Was für eine wundervolle Reaktion. Sie spricht! Später guckt sie zu uns ins Zimmer rein, sieht mich an und ich sage: „Meine Hände sind wieder warm.“, sie antwortet: „Dann ist gut.“ Es sind solche kleinen Momente, die glücklich machen.

Die Meisten auf der Wohnebene kennen meinen Namen - die Pflegekräfte sowieso - weil mein Mann mich sehr oft ruft, hauptsächlich nachts, wenn er wieder mal gestürzt ist. Er vermisst mich. Ich vermisse ihn auch und doch ist es die beste Lösung so. Er wird gut versorgt und es ist immer sofort Hilfe da. Er braucht oft Hilfe.

Ja, und dann kommt der 13. März und ich stehe vor verschlossener Tür. Corona! Besuchsverbot bis auf Weiteres! Damals ging man noch von zwei bis drei Wochen aus, aber weit gefehlt. Jetzt im Juni ist es immer noch so, allerdings mit leichten Lockerungen. Mein Mann versteht nicht, warum ich jetzt nicht mehr komme, nicht mehr kommen darf. Immer wieder Erklärungen. Wie soll er es auch verstehen, man versteht es ja selbst kaum. Die Pflegebedürftigen haben ja keinen Bezug dazu. Sie erleben nicht das Tragen des Mundschutzes in Geschäften, Bussen usw., das Abstandhalten, dass man sich mit Mitgliedern verschiedener Haushalte nicht treffen darf und all diese bekannten Maßnahmen. Ich bin froh, dass wir noch telefonieren können, wenn es auch nur fünf Minuten sind, weil er dann überfordert ist und schlafen will. Aber wir hören uns! Oft muss das Pflegepersonal helfen, wenn er es wieder einmal nicht geschafft hat, den Hörer aufzulegen. Zum Glück ist es ein altes Telefon mit Hörer, denn mit einem Modernen würde er gar nicht mehr zurechtkommen. Er selbst ruft keinen an, er schafft es nicht mehr, kennt auch unsere Telefonnummer nicht mehr.

Nach acht endlos erscheinenden Wochen darf ich ihn am Zaun des Heimes besuchen. Er sitzt im Garten, ich stehe auf dem Parkplatz, zwei Meter Entfernung. Was in dem Moment gefühlsmäßig in mir vorgeht, kann ich kaum beschreiben. Meine Tränen fließen. Er versteht nicht, warum ich nicht reinkomme. „Das Tor ist verschlossen! Gleich holen sie dich, dann gehen wir in mein Zimmer.“ Sie holen mich nicht - ich weiß es! Es sind die Vorschriften, die richtig sind, die ich total verstehe, weil diese Personen im Heim eine Vorgeschichte haben, weil sie gesundheitlich besonders gefährdet sind, und doch: Es ist so schwer - für beide Seiten! „Wann kommst du wieder?“, ich weiß es nicht. „Hol mich heim!“, es geht nicht. Es tut so weh. Das schlechte Gewissen meldet sich wieder.

Eine gute Woche später dürfen wir uns im Heim wiedersehen, in einem speziell eingerichteten Besucherzimmer, an einem zwei Meter langen Tisch, mittendrin eine Plexiglasscheibe, eine Pflegekraft als Aufsicht dabei. Vorher Hände desinfizieren, Mundschutz, Zettel ausfüllen, dass ich keinen Kontakt zu COVID-19-Patienten hatte und gesund bin. Für 30 Minuten dürfen wir uns sehen. Für ihn reicht es. Nach 30 Minuten baut er ab und ist nicht mehr aufnahmefähig. Ich soll mit in sein Zimmer kommen - wieder Erklärungen. Er wird mit dem Rollstuhl weggefahren, ich darf ihn nicht umarmen. Er will ein Abschiedsküsschen. Wir dürfen nicht. Wie soll er das alles verstehen?! Es tut richtig weh. Aber: Ich darf ihn weiterhin besuchen, immer nach Terminvergabe, immer für 30 Minuten und immer mit den gleichen Vorsichtsmaßnahmen. Ich hoffe so sehr, dass diese schlimme Corona-Zeit, die mir ewig in Erinnerung bleiben wird, bald vorbei ist, dass alles wieder normal wird, dass ich meinen Mann wie anfangs regelmäßig besuche, ihn in den Arm nehmen kann, und dass ich auch die anderen Heimbewohner wiedersehe.

Ein großes Lob und Dankeschön gebührt allen Mitarbeitern des Pflegeheimes. Sie kümmern sich aufopferungsvoll und liebevoll um alle Bewohner. Sie müssen so vieles auffangen, erklären, trösten. Kein leichter Job, zu „normalen“ Zeiten nicht und jetzt erst recht nicht.




Mittwoch, 18. November 2020

Weihnachtliche Kurzgeschichten für einen guten Zweck

 

Ich freue mich, dass ich heute eine ganz besondere Geschichtensammlung vorstellen darf. 

24 Autoren der Facebook-Gruppe "Autoren_Netzwerk" haben im vergangenen Frühjahr bei unwinterlichen Geschichten rund um Weihnachten verfasst. Geschichten zum Lachen und Weinen, zum Träumen und Nachdenken. Für jeden Tag im Advent eine zauberhafte Geschichte - also ein ganz besonderer Adventskalender. 

Dieses Buch passt perfekt unter den Weihnachtsbaum, schließlich heißt es ja auch so: 

"Geschichten unterm Tannenbaum".

Ganz besonders stolz bin ich, dass auch meine Geschichte "Kamingespräche" für diese Anthologie ausgewählt wurde.

Wir Autoren haben bei dieser Anthologie auf unsere Tantiemen verzichtet. Den Betrag, der dadurch zustande kommt, spenden wir der Organisation "Brot & Bücher e. V." (https://brotundbuecher.de/)

Das Buch könnt Ihr überall dort bestellen, wo es Bücher gibt. Solltet Ihr aus dem Kasseler Umland kommen, könnt Ihr das Buch gerne direkt bei Schreibwaren Schmidt in Bad Emstal oder in der Buchhandlung Mander in Wolfhagen erwerben. 

ISBN: 978-3946762478, Herausgeber: telegonos-publishing, Preis: 13,90 EUR

... oder als Kindle-Ausgabe: https://www.amazon.de/Geschichten-unterm-Tannenbaum-telegonos-publishing-ebook/dp/B08MLJQWDY/ref=tmm_kin_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr=



Dienstag, 22. September 2020

Schwellen des Lebens

Wenn die Kinder erwachsen werden und man plötzlich merkt, dass man selbst nicht mehr die Jüngste ist, macht man sich so seine Gedanken ...

Schwellen des Lebens

Über die erste Schwelle wirst du getragen,
Du wächst in Wärme und Geborgenheit heran,
brauchst nur zu sein.

Über die zweite Schwelle hüpfst du fröhlich,
Du machst alles zum ersten Mal und voller Freude,
brauchst nur zu gehen.

Über die nächste Schwelle läufst du neugierig,
Du willst alles auf einmal lernen und können,
brauchst nur zu schauen.

Über die vierte Schwelle gehst du zögernd,
Du schwankst ständig zwischen Glück und Unsicherheit,
brauchst nur zu fühlen.

Über die fünfte Schwelle trittst du stolz,
Du bist erwachsen und die Welt liegt dir zu Füßen,
brauchst nur hinauszugehen.

Über die nächste Schwelle wirst du wieder getragen,
Du trägst ein weißes Kleid und bist in froher Erwartung,
brauchst nur zu spüren.

Über die siebte Schwelle gehst du zuversichtlich,
Du hast schon viel erreicht und dein Leben ist perfekt,
brauchst nur zu machen.

Über die achte Schwelle setzt du deinen Fuß achtsamer,
Du wirst mit ersten Verlusten und Fältchen konfrontiert,
brauchst nur in den Spiegel zu schauen.

Über die neunte Schwelle trittst du gestärkt,
Du blickst zurück und genießt die Herbstsonne,
brauchst nur zu lächeln.

Über die letzte Schwelle wirst du wieder getragen,
Du siehst nicht die Tränen der Trauer und der Erinnerungen,
brauchst nur zu schlafen.

© Marlene Liebschenk

Für alle Colliens, Giseles und Karlas dieser Welt

  Starke Frauen – jetzt erst recht! 💜 Auf Instagram habe ich im März – dem Monat, an dem der Internationale Frauentag gefeiert wird – imme...